1. – 4. Schuljahr

Renate Mann

Mode in der Kunst

ist Mode Kunst?

Sobald auf einem Bild Menschen abgebildet, gemalt oder fotografiert werden, ist Kleidung in jedem Zeitalter Spiegel von kulturellem Hintergrund und gesellschaftlichem Status. Von „Mode spricht man erst dann, wenn Kleidung über den Zweck einer reinen Funktion hinaus Gestaltungsspielräume nutzt. Künstler porträtieren nicht nur die Welt ihrer Auftraggeber, sondern sind auch fasziniert von der textilen Vielfalt anderer Kulturen und interpretieren in der Gegenwartskunst textiles Material neu.

Künstler und Künstlerinnen der verschiedenen Epochen haben Kleidung abgebildet, ohne dass man von „Mode sprechen kann. Sie folgten ihren eigenen Vorstellungen von biblischen Vorgaben, orientierten sich an Realitäten des Alltags oder erfüllten Darstellungswünsche ihrer Auftraggeber. Je nach Einstellung besteht bis heute eine Kluft zwischen Kunst und Mode, der, dem Philosophen Kant zufolge, kein „innerer Wert zukommt. Kunst gilt als ernsthaft, auch elitär, Mode als oberflächlich und flüchtig. Auch wenn Modedesigner und -designerinnen Modeskizzen und Figurinen auf höchstem zeichnerischen Niveau entwerfen, so sehen sich manche, z.B. Karl Lagerfeld und Paul Gaultier, dennoch nicht als Künstler.
Mit der Bedeutung von künstlerischen Werkstätten und einer wachsenden Anzahl von Ausstellungen zu Kleidung und Textilien in allen möglichen Facetten wird Mode von ihrem Image als reines Kunsthandwerk befreit und zur Kunst erhoben. Damit sind die Übergänge fließend: Durch eine Erweiterung des Kunstbegriffs wandelt sich auch das Verständnis von Kunst und eröffnet somit neue Gestaltungsspielräume auf verschiedenen Ebenen.
Es mag sein, dass Mode durch eine Rückbesinnung auf das Handwerkliche mehr in den Fokus von Bildender Kunst rückt. Beiden ist gemeinsam, dass sie in irgendeiner Form einer kulturellen und gesellschaftlichen Deutung unterworfen sind.
Kleidung als Statussymbol
An einigen Beispielen soll gezeigt werden, wie Kunst und Mode eine gleichberechtigte Symbiose eingehen, ohne jedoch ihre jeweilige Daseinsberechtigung zu verlieren.
Wandmalereien und Statuen der antiken Welt haben oft einen religiösen oder verehrenden Hintergrund, zeigen aber gleichzeitig ein Stück Alltagskultur und spiegeln das Verständnis von Schönheit, Reichtum und Ästhetik wider (Abb.1 ). Meisterlich gemalte Darstellungen von biblischen Inhalten hatten eine lange, von der Kirche dominierte Tradition. Das eigentliche Können entfaltete sich im Verborgenen.
Mit dem Beginn des Spätmittelalters und dem Erstarken des Bürgertums verlor die Kirche an Macht, und Künstler und Künstlerinnen und das Handwerk, also auch Schneider, konnten eine eigene Formensprache entwickeln. Der Mensch der Renaissance begriff sich als Maßstab aller Dinge und strebte nach Vollkommenheit und Harmonie. Dies wird auch in dem um 1485 von Sandro Botticelli geschaffenen Gemälde „Idealbildnis der Simonetta Vespucci deutlich. Kunstvoll drapierte Haartracht, kostbarer Schmuck und ein aufwändig, detailgetreu gestaltetes Kleid waren Ausdruck nicht nur von Reichtum, sondern auch Zeugnis eines neuen Selbstbewusstseins. In den folgenden Jahrhunderten gewann die Darstellung von Menschen in ihrer natürlichen Umgebung an Bedeutung. Der überhöhte Modestil des Rokoko wurde durch schlichtere und bequemere Kleidung ersetzt. Als stilbildend galt z.B. die sogenannte Werthertracht, die sich aus der ausführlichen Beschreibung von Goethes Protagonisten Werther entwickelte.
Kleidung und Stofflichkeit
Um 1900 kam Seide in Mode und wurde für Strümpfe und Unterröcke verwendet, aber auch als Oberbekleidung getragen. Nicht mehr der Mensch, der die Kleidung trug, sondern die Stofflichkeit des Materials wie Spitze, Federn und Tüll wurde filigran in Szene gesetzt. Henri Matisse (franz. tisser = weben) hatte eine besondere Affinität zu Stoffen, erstand überall auf seinen Reisen wertvolle Teppiche, gemusterte Stoffe oder Gewänder, die ihm als Vorlage für...

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