1. – 4. Schuljahr

Susanne Schiele

Die Kunstwerkstatt als Ortdes ästhetischen Lernens?

Einblicke in eine Kunst-Arbeitsgemeinschaftan einer Grundschule mit dem Profil Inklusion

Die Idee, Schulkinder eine freiere Art des Kunstunterrichts erleben zu lassen, sie also nicht anzuleiten, beruht auf Erkenntnissen von Neurobiologen. Sie bestätigen, dass jede selbst gewonnene Erfahrung, jede spielerisch eroberte neue Fähigkeit eine große Begeisterung im Gehirn auslöst, die das Kind motiviert, gerne und gut zu lernen. Die ausgeprägte Prozessorientierung gerade im Kunstunterricht ermöglicht es dem Kind, seine kreativen Vorhaben selbstgesteuert und an die individuellen Fertigkeiten und Interessen angepasst zu planen. Diese positive Lernerfahrung wirkt sich nachhaltig auf das Selbstkonzept der Kinder auch in anderen Fächern aus.
Vielfalt ästhetischer Zugriffsweisen und Techniken fördern die Kreativität
In dem hier aufgezeigten schulischen Kontext wird für eine große Vielfalt ästhetischer Zugriffsweisen und Techniken gesorgt. Es besteht sowohl die Möglichkeit für experimentelle, projektorientierte (Abb.1 ) als auch für kooperative und arbeitsteilige Arbeitsformen.
Wie sieht das in der Praxis aus? Eine bunt gemischte Gruppe von Schülern und Schülerinnen aus der ersten bis zur vierten Jahrgangsstufe besucht die Kunstwerkstatt an einem Nachmittag in der Woche. Zwei Schulstunden lang haben sie dort die Möglichkeit, sich je nach Vorliebe und Interesse mit verschiedenen Gestaltungsmitteln kreativ zu betätigen. Das normale Klassenzimmer verwandelt sich in einen Ort der Kreativität. Das Materialdepot im Nebenraum ist für die Kinder frei zugänglich. So können sie aus dem reichlichen Fundus etwas auswählen, das sie zum Gestalten ermuntert. Das können Woll- oder Stoffreste, verschiedene Papiersorten, Pappröhren und Kartons, allerlei Holzreste, Perlen, Knöpfe, Steine, Draht usw. sein. Natürlich stehen auch konventionelle Kreativmaterialien wie Stifte, Wachsmalkreiden, Gouachefarben oder der Malkasten zur Verfügung.
Zu Beginn des Unterrichts treffen sich alle im Kreis. Nach einer gemeinsamen Begrüßung dürfen diejenigen, die schon mit einer kreativen Idee gekommen sind, diese mit den anderen teilen. So können sich manche „Ideenlose inspirieren lassen. Anschließend gehen die Kinder in den Materialraum und suchen zusammen mit der Lehrkraft das für ihre Idee notwendige Material aus. Verschiedene Behälter mit kreativem Basismaterial wie Papiere, Farben, Scheren, Klebestifte usw. werden in der Mitte des Klassenzimmers aufgestellt, um ein zu häufiges, störendes Hin und Her zu vermeiden. Den Platz, an dem sie arbeiten möchten, suchen sich die Kinder jede Woche neu aus. Auch mögliche Partnerkinder können andere sein als zuvor. Im Laufe eines Schuljahrs sind allerdings schon liebgewonnene Gewohnheiten diesbezüglich feststellbar!
Ab und zu bereitet die Lehrkraft auch einen Arbeitsplatz vor, an dem mit Pappmaché, Gips oder Ton gestaltet werden kann. Denn obwohl der Vorbereitungs- und Betreuungsaufwand hoch sind, genießen es die Kinder, ihrer künstlerischen Fantasie auch mittels plastischen Gestaltens freien Lauf zu lassen.
Einen wichtigen Stellenwert nimmt das in der Werkstatt verwendete Werkzeug ein. Säge, Feile oder Hammer bedürfen allerdings zuerst einer Einweisung durch die Lehrkraft, bevor sie eigenständig benutzt werden können. Sehr begehrt ist auch die Heißklebepistole. Diese bleibt aber in Erwachsenenhand, da hier die Verletzungsgefahr sehr groß ist. Ebenso unentbehrlich und beliebt, um verschiedene Teile zusammenzufügen, ist Klebeband in allen (auch farbigen) Variationen.
Mit kreativer Begeisterung die eigene Lebenswelt gestalten
Als Beobachterin oder Beobachter kann man oft den Eindruck bekommen, die Kinder seien in einem regelrechten Schaffensdrang: Sie schneiden, reißen, kleben, bauen, malen, nähen, zeichnen und sind dabei ganz im Moment. Weniger wichtig scheint zu sein, wie das Objekt am Ende aussehen mag. Sehr selten ist ein...

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