9. – 13. Schuljahr

Martin Bracke, Katrin Vorhölter

Die Flüchtlingsdebatte und der Königsteiner Schlüssel

Erfahrungen aus Modellierungsprojekten

Mathematische Modellierungsaktivitäten können mit Lernenden aller Altersgruppen durchgeführt werden. Der zeitliche Umfang ist ebenfalls sehr variabel und reicht von einer Schulstunde bis hin zur Arbeit über mehrere Tage. Wir möchten hier durch eine konkrete Problemstellung illustriert Rahmenbedingungen beschreiben, die sich in vielen Jahren praktischer Erfahrung mit Modellierungsprojekten an den Universitäten Hamburg und Kaiserslautern als sinnvoll herausgestellt haben.
Problemstellungen für Modellierungsprojekte
Eine Herausforderung bei der Vorbereitung außerunterrichtlicher Modellierungsprojekte ist die Konzeption geeigneter Problemstellungen. An diese werden andere Anforderungen gestellt als an Aufgaben, die innerhalb einer Doppelstunde zu lösen sein sollen: Sie müssen zum einen reichhaltig und interessant genug sein, damit Schülerinnen und Schüler motiviert sind, sich über einen längeren Zeitraum mit ihnen zu beschäftigen. Zum anderen sollten sie offen sein für unterschiedliche Zugänge, um allen Schülerinnen und Schülern eine Mitarbeit zu ermöglichen. Gleichzeitig gibt es keine Vorgabe, bestimmte Inhalte der Schulmathematik oder Werkzeuge wie CAS für die Bearbeitung vorzusehen.
Eine geeignete Problemstellung zu finden, ist, je nach Zielsetzung und Rahmenbedingungen, nicht immer leicht. Wie sich gezeigt hat, wird mit zunehmender Erfahrung das Finden passender Problemstellungen einfacher – auch aufgrund positiver Erfahrungen und dem damit wachsenden Vertrauen in das Potenzial der Lernenden. Ein sehr wichtiger Aspekt bei der Auswahl von Problemstellungen ist es, die Interessen der Schülerinnen und Schüler zu berücksichtigen. Diese hängen von sehr vielen Faktoren ab und sind schwer zu prognostizieren. Am Ende dieses Beitrags geben wir einige praktische Hinweise hierzu. Nach dem hohen Aufwand einer sorgfältigen Problemkonzeption kann im Gegenzug eine gelungene Problemstellung oft unter sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen genutzt werden, wie die folgenden Ausführungen beispielhaft zeigen sollen.
Ein Modellierungsproblem zur Flüchtlingsdebatte
Die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen wurde im Sommer 2015 zu einem Thema, dem sich niemand entziehen konnte. Im Verlauf der politischen Diskussion tauchte immer wieder der 1949 entwickelte Königsteiner Schlüssel als Verteilungsmodell auf (Arbeitsblatt ). Mit diesem sollte die prozentuale Beteiligung der deutschen Bundesländer an gesamtdeutschen Finanzierungen einerseits einheitlich für unterschiedliche Maßnahmen und andererseits möglichst gerecht festgelegt werden. In der politischen Diskussion wurde häufig kritisiert, dass der Königsteiner Schlüssel für das gesamtdeutsche Problem der Flüchtlingsverteilung ungeeignet und ungerecht sei. Daher müsse ein anderes Verteilungssystem gefunden werden doch die Bundesländer konnten sich auf kein alternatives Verfahren einigen.
Diskussion der Problemstellung
Aufgrund der dargestellten Problematik, wurden Schülerinnen und Schüler, die in der ersten Hälfte des Jahres 2016 an Modellierungsprojekten der Universitäten Hamburg und Kaiserslautern teilnahmen, aufgefordert, als Reaktion auf die öffentliche Diskussion alternative Verteilungssysteme zu entwickeln und die Vor- und Nachteile zu diskutieren. Die Aktualität der Debatte und die teilweise direkte Betroffenheit sorgten dafür, dass die Lernenden hochmotiviert waren, an der Frage zu arbeiten. Insbesondere die Tatsache, dass dies ein Problem ist, zu dem es keine eindeutige Lösung gibt, sorgte für eine intensive und ausdauernde Auseinandersetzung mit der Thematik.
Die Problemstellung eignet sich gut zur Bearbeitung mit Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Alters- und Kompetenzstufen, da aus mathematischer Sicht lediglich Kompetenzen aus der Mittelstufe zwingend erforderlich sind (gewichtete Anteile bzw....

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen